Der Pistole

Ein Stück, das nichts will. Dessen größtes Kompliment ist, dass man nicht darüber spricht. Welches alle verkraftbaren Umbauphasen sprengt. Welches mit nimmt und anschließend sofort wieder frei lässt. Wie wäre das? Eine Realität produziert ohne den Anspruch zu haben etwas sagen zu müssen und es genau deswegen schafft, jedoch dann selbstverständlich auch ohne Zukunft. Ohne das Denken, nur durch das Handeln, welches so offenkundig artifiziell ist, dass man gar nicht auf die Idee käme, hier solle etwas nachgestellt werden. Weil es da nichts gibt. Und aus diesem nichts entsteht die größte Ausgefülltheit. Wie wäre das? Und die Sprache ist so bruchstückhaft und so aus der Welt und damit in der Welt, dass man alle, die später darüber sprechen nur auslachen kann. Sie unmissverständlich abfällig links liegen lassen muss, wenn sie versuchen ihre Interpretation und ihre Sicht der Dinge zu äußern. Weil es kein Außen mehr gibt. Es gab nur das Innen und dann war es vorbei. Man kann danach mit dem Techniker sprechen und hören, ob alles okay war. Oder man kann dem Tonmischer zunicken, obwohl er bei Zeiten ein Arschloch zu sein scheint. Oder man isst eine Banane aus dem Bühnenbild, welches ohnehin den hinteren Reihen kaum aufgefallen sein dürfte, da es viel zu nah am Publikum lag und offenkundig nur bedeutungslos gewesen sein darf. Aber mehr kann man nicht. Wie wäre das? Am Ende bleibt der schwache Hauch einer Erinnerung ohne richtigen Gegenstand; im Raum am ehesten noch hängen. Als Blaupause für alles was danach geschieht und zurück fällt in Texte, Gedanken und hoffentlich szenisch pointierte Abläufe. Wie wäre das? Was würdet ihr sagen, wenn ihr die nächsten wäret. Wenn ihr spielen müsstet auf endgültig ausgemergeltem Boden, der euch heute Abend keinen Halt geben wird. Ihr werdet euer Publikum nachher für euch sprechen lassen, weil ihr selber viel zu laut gewesen seid und euch darin gefielt. Wie wäre das? Alles was ihr jemals produziert haben werdet wird nichts sein. Denn was bleibt außer einer Pistole. Nichts bleibt mehr. Alles ist gesagt und getan. Hier wird keine Kugel mehr fliegen können, kein Bild sich mehr halten. Weil es dafür vorhin zu spät war. Und auch dieses „war“ ist mittlerweile eine Vergangenheit, die sich selbst verrät. Denn was lest ihr denn ihr Narren? Wofür lest ihr denn? Weil ihr verpasst habt aufzugeben. Weil es leichter war es auszutragen in der Sicherheit eurer kleinen Gedankenwelt. Aber sie hat einen Abgrund. Und ihr kennt ihn nur zu gut. Weil er euch immer wieder rettet, weil er eine Anziehungskraft ausübt auf alles. Und so lehnen wir uns zurück, weil all unsere kleinen Pfade Gott sei Dank schließlich an ihm enden werden. Und dann ist aber auch gut und erledigt. Gutes Gefühl. Wie ist das? – Nun sind wir gemeinsam angekommen, wo wir doch fallen in die Schluchten.

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Eine Pistole, ein Tanz, etwas aus Holz, das was kann
Caroline Creutzburg und Sophie Reble
Hebbel am Ufer
04. und 05. Mai 2010, Berlin

Einladung zum Stück

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