Die dritte Farbe

Ein Mann Anfang dreißig steht auf einer unbefahrenen Brücke im Abendlicht. Wir sehen ihn aus der Vogelperspektive von hinten. Sein Körper zeichnet sich vor dem Fluss ab. Ein Spätsommertag ist vergangen. In der Situation liegt ein wenig Dunkelheit und ein wenig mehr Wärme. In der Hand hält er einen Brief. Er steht dort schon seit vielen Minuten, als eine Frau in etwa gleichem Alter vorbei kommt. Er reagiert nicht auf sie. Doch als sie ein paar Schritte an ihm vorüber gelaufen ist, hält sie inne, dreht sich um und spricht ihn an. Noch bevor er ihre Begrüßung erwidert, schaut er flüchtig zu seinem Handgelenk, an dem keine Uhr zu sehen ist. Die beiden kommen ins Gespräch. Er steht uns zugewandt, die Frau mit dem Rücken im Vordergrund. Sie hat ihn richtig erkannt. Die beiden waren Schüler derselben Schule, derselben Klasse. Im Verlauf ihrer kaum neugierig geführten Unterhaltung kommt sie von ihrem verknappten jetzigen Leben zu ihrer beider Jugendzeit. Sie erinnert sich lebhaft und eigentlich ausschließlich, dass er ein guter Sportler gewesen sei. Er erklärt, dass er außer den Radfahrten durch die Stadt keinen Sport mehr treibe. Ohne ihre Nummern zu tauschen verabschieden sich die beiden. Ihr Treffen dauert kaum länger als drei Minuten. Danach verbreitet die Situation noch dieselbe helle Dunkelheit aber ein wenig weniger Wärme. Der Mann lehnt sich an die Brüstung, wir sehen ihn nur schemenhaft aus der Ferne, erkennen aber den weißen Brief in der Tasche seines dunkelblauen Jacketts. Er steht dort oben und schaut hinunter aufs Wasser. Unser Blick richtet sich ebenfalls auf dieses. Wir sehen es für einen zu langen Moment tiefgrün, fast ohne Reflexe und beinahe stehend voran fließen. Ein aufdringliches Handyklingeln durchbricht die Ruhe. Unhastig holt der Mann das Telefon aus seiner Innentasche, nimmt ab, sagt nichts. Wir können erkennen, wie er leicht mit dem Kopf nickt. Er gibt zustimmende, unbewegte Bemerkungen von sich. Unser Blick schweift langsam von ihm ab, hin zu den Eisenträgern der Brücke und friert dort ein. Wir hören ihn sagen, er könne sich nicht daran erinnern. Dann noch mal. Er sagt, er wisse, dass er das seinen Studenten nicht zumuten könne. Er hoffe, sie würden sich mit den Antworten auf ihre Fragen gedulden. Sie würden sie bekommen. Aber sie seien zu intelligent, zu wissbegierig, zu gut. Sie würden es nicht verstehen können, zu Recht. Dann bleibt es still, er steht gerade ohne aufrecht zu stehen, es geschieht nichts. Nach langen Sekunden schließlich erwidert er, okay bis morgen im Dekanat. Wir sehen eine Brücke in der Ferne der Stadtsilhouette mit einer kaum erkennbaren Figur. Um die Situation legt sich eine Dunkelheit, die aus dem Grün des Wassers heraus das Licht und die Wärme der untergegangenen Sonne mehr und mehr einnimmt. Langsam vergrößert sich der malerische Bildausschnitt. Wir sehen den Mann von hinten, wie er die Brücke verlässt. Er hält eine Hand in Richtung der Brüstung, meist ohne sie zu berühren. Am Übergang zum Ufer nimmt er ein nicht abgeschlossenes Postrad mit Taschen voller Briefe, steigt auf und fährt eine schmale, steil zulaufende Straße hinauf aus unserem Blick.

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29. Juli 2010, Berlin

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