Guattari „Die drei Ökologien“

In seinem Buch „Die drei Ökologien“ (1985) entwirft Félix Guattari das Bild einer Gesellschaft unter Zuhilfenahme eines Ökologie-Begriffs, der zuerst einmal als Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und seiner sich verändernden Umwelt verstanden werden kann. Dabei werden Möglichkeiten sich den anstehenden Herausforderungen lebenspraktisch zuzuwenden avisiert. Dies jedoch nicht in Form eines allgemeingültigen Regelwerkes, sondern als ein Herausschälen der sich in der Betrachtung ergebenden Widersprüche. Guattari fordert eine neue Subjektivierung als Loslösung von den Paradigmen der so genannten „hard sciences“. Unter dem Schlagwort des  „ästhetischen Paradigmas“ subsumiert er die Forderung an eigentlich alle Bereiche der Gesellschaft, sich in einen positiven (wissenschaftlich) unabgesichterten Neuerungszwang zu begeben, wie dies etwa in der Kunst oder Literatur als wesensbestimmendes Merkmal der Fall ist. An eine Zeit der intensiven Medialisierung, die bestimmt ist durch eine übermäßige Produktionsflut von materiellen und immateriellen Gütern ist der Mensch bisher nicht entsprechend angepasst. In Folge dieser Feststellung entfaltet er den Entwurf einer „Ökosophie“, die sich aus den drei Ebenen der sozialen -, der mentalen – und der Umwelt-Ökologie zusammensetzt.

Von den in diese drei Abstraktionssphären verflochtenen Menschen fordert er ein Querschnittsdenken zwischen Ökosystemen, „Mechanosphäre“ (der Bereich von Technik und Maschinen) sowie zwischen den sozialen und individuellen Bezugswelten. Im Unterschied zu einer Logik der diskursiven Gesamtheit, die zum Ziel hat die Objekte genau ins Auge zu fassen bedient sich Guattari in seinen Betrachtungen einer „Logik der Intensität“. Diese zielt auf die Bewegungen sich entwickelnder Prozesse ab. Es geht dabei um Existenzen, die sich konstituieren, definieren und gleichzeitig ihre Selbstdefinition wieder auflösen und nicht um statische Strukturen oder Systeme. Solchen Selbstbestimmungen der Menschen bereiten die Gegebenheiten unserer Zeit oder, wie er es nennt, der „Weltweit integrierte Kapitalismus“ (WIK) allerdings große Schwierigkeiten. Sie führen zu (gruppeneigenen und individuellen) existentiellen Selbstdefinitionsbrüchen. Aus der Gesamtbetrachtung extrahiert er ein analytisches Schlüsselproblem dieser Situation: die Verinnerlichung der unterdrückenden Macht durch die Unterdrückten. Dem begegnet er mit der Forderung nach neuen Formen der Vereinzelung gegen die kapitalistische Subjektivität der „Bedienungsmannschaften aller Art“. Es sollte der Dissens gepflegt und ein singuläres Dasein erzeugt werden um es dem verdummenden und infantilisierenden Konsens entgegenzuhalten. In einem kreativen „Prozess der Erzeugung von Ungleichheit“ sollen die als wichtig angesehenen (kulturellen) Ausnahmen, Singularitäten und Seltenheiten bestärkt, gleichzeitig aber auch zusammengeführt werden.

Das Plateau der mentalen Ökologie stellt Guattari ins Licht einer prä-objektalen und prä-personalen Logik. Was Freud als „Primärprozeß“ (das ES übersetzt die Bedürfnisse des Organismus in Wünsche/Triebe) beschrieben hat, wird hier als die „Logik des eingeschlossenen dritten“ bezeichnet. Diese deutet darauf hin, dass die Fragmente, welche die existenzielle Verzweiflung wachrufen, nicht innerhalb der Grenzen der beteiligten Individuen liegen. Daran knüpft sich eine Kritik der derzeitig angewandten Lehren („Freudianismus“, „Post-Systemismus“) im psychologischen Umgang mit dem Menschen, weil sie sich vor einem möglichen kreativen Wachstumsprozess verschließen. Er fordert ein offenes Anerkennen der Ambivalenz der Wunschbildung in allen Bereichen (Kultur, Alltag, Arbeit, Sport usw.) um zu neuen Kriterien zur Beurteilung von Arbeit und Tätigkeit zu gelangen, die über die von Leistung und Profit hinausgehen. Über innovative Praktiken und alternative Experimente soll das „soziale Räderwerk“ neu konstruiert werden. Dabei muss es solchen Ansätzen bei erhöhter Autonomie gleichzeitig gelingen sich nach außen verständlich zu machen. Durch affektive und pragmatische Investitionen in Menschengruppen aller Größen entsteht eine primäre Subjektivität. Sich weit öffnende selbstbezügliche Subjekt-Gruppen ermöglichen Prozesse diagrammatischer Wirkungskraft und bilden den Gegenpol zu indentifikatorischen Systemen. Mit diesem „Gruppen-Eros“ wird einer leeren Wiederholung die autopoietische Lebendigkeit gegenübergestellt. Im Besonderen die Massenmedien wären durch eine Vielzahl solcher Subjektgruppen auf Vereinzelungspfade zu bringen, die den größer werdenden Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Bevölkerungskategorien entgegenwirken. Die fortschreitenden Entwicklungen, die Miniaturisierung, die Kostensenkung und die Möglichkeiten nichtkapitalistischer Nutzungen von Kommunikationstechniken sowie die stattfindende Neugestaltung von Arbeitsprozessen lassen diesen Gedanken durchaus realistisch erscheinen. Da der Kapitalismus stark exklusiv gegenüber solchen Unternehmungen wirkt, braucht es jedoch neue Wertsysteme. Solche, vielleicht sozialer oder ästhetischer Art, müssten sich mit einer Erweiterung des Verständnisses vom „kollektiven Interesse“ verbinden und dann auch kurzfristig non-profitables, prozessuales usw. berücksichtigen. Solche Vorstellungen sind nicht als Maßnahmen zu verstehen, sondern gehen einher mit einem sich verbreitenden Abgleitens bestehender Wertesysteme und Auftauchens neuer Bewertungspole. Die Umwelt-Ökologischen Probleme erzwingen nicht nur ein schützendes Bewahren, sondern eine aktive Offensive vor dem Hintergrund einer angepassten ökosophischen Ethik sowie einer zukunfts- und schicksalsfokussierten Politik. Aus der Gesamtschau dieser Denkansätze begründet sich nach Guattari eine reich facettierte Ökosophie, die zugleich analytische wie Subjektivität produzierende Instanzen und Dispositive anordnet. Wobei hier sowohl eine individuelle als auch die kollektive Subjektivität adressiert ist.

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Félix Guattari
„Die drei Ökologien“
Wien, 1994

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