Der Wels und das Licht

Heute Morgen starrt mich die Kirche gegenüber an, als wollte sie sagen: „Du wirst schon sehen, es wird ein Tag werden an dem du nicht weniger und nicht mehr erlebst als ich in den letzten hundert Jahren.“ Mittelmäßig beeindruckt verlasse ich eine halbe Stunde später das Haus. Ich nicke dem Kioskbesitzer unbeholfen zu, als er mir entgegen brabbelt: „Die Zeitung kommt schon um vier Uhr, aber der Tag beginnt wenn das letzte Wort gelesen ist.“ Der Satz hallt noch in meinem Kopf, als ich vor einem Baugeländer aus massiven Holzlatten halten muss. Dahinter liegt meine Bahnstation. Plötzlich rauscht ein Radfahrer an mir vorbei, dass mir beinahe meine Schlüssel aus der Hand fallen. Weiter fahrend ruft er fast besorgt: „Du musst dem Wesen der Holzlinien nachgehen, wenn du ein Regal bauen willst.“ Als er zwischen den Autos verschwunden ist, bin ich immer noch neidisch auf sein Rad und ärgere mich, dass ich jeden Tag die Stufen zur U-Bahn hinauf steige und mir nur die Wahl zwischen Nord-West und Süd-Ost bleibt. Drei Minuten werden angezeigt. Ich gehe an den Rand des Bahnsteiges. Unten zwischen den Gleisanlagen liegen Handyteile. Ein Windzug packt mich und das Quietschen der Bremsen kündigt die gegenüber einfahrende Bahn an. In diesem Moment bemerke ich ein Mädchen. Sie schaut, als ob sie mich schon den ganzen Morgen beobachtet hätte. Der gelbe Zug schiebt sich als abstrakte Brechung zwischen uns. Ich suche ihre Augen und finde ihren Mund, der stumm aber bewegt spricht: „Der Wels lebt achtzig Jahre in der Tiefe bis ihn zwei Sekunden Licht zum Leben erwecken.“ Ich mache einen Schritt auf sie zu und befinde mich in meiner Bahn. Sie bringt mich zu einer Brücke im Morgenlicht, die über einen bewegten Fluss aus Eisen führt. An ihren mattgrauen Pfeilern lehnt ein ebenso grauer Vietnamese mit einem viel zu europäischen Gesichtsausdruck. Niemand kann ihm in die Augen sehen, aber er ist dort jeden Tag und sagt immer dasselbe: „Wir können die Verbindung mit New York nicht herstellen. Ihr Englisch ist zu schlecht. Versuchen sie es mit einer E-mail nach Japan.“ Als die Bahn anfährt, sitze ich bereits und halte die Tasche vor mir. Ich fühle mich wie ein junger Gladiator, der nicht vergessen kann, warum er sein Schild trägt. Die Tore öffnen sich zu einem Gängesystem – Glück gehabt, doch nicht die Arena. Stattdessen lässt eine Frauenfußballerin neben mir zwei Kaffeebecherdeckel fallen. Ich bücke mich und greife danach. Sie auch. Im Aufstehen flüstert sie, als ob sie zu jemand anderem spräche: „Wenn Paare gegeneinander Karaoke singen, werden die Cocktailschirmchen auch mal am sonnenlosen Ufer vergessen.“ Was waren das nur für Zeiten, denke ich, kratze mich an der Wade, trete aus der Station und laufe das letzte Stück unter tiefreichenden Baumkronen. Als ich ankomme erwartet mich ein kleiner Junge im Batman-Kostüm. Er winkt mich ungeduldig auf seine Höhe herunter. Aufgeregt aber bestimmt sagt er mit englischem Akzent: „Das war langweilig, ich hole mein Cape und zeige dir wie Superman fliegt.“

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24. August 2008, Berlin

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