Ein bisschen Kühle

Ich stelle mir vor wie wir heute Abend, wenn der Himmel gerade in dieses tiefe Rot übergegangen ist und sich dann doch für das helle Schwarz der langsam ziehenden Wolken entschieden hat, auf den Stufen des Victoriaparks sitzen. Ich habe eine Flasche Rotwein dabei. Du sagst, dass du keinen Rotwein magst. Ich mache ihn trotzdem auf. In diesem Moment fängt es an, leicht auf meine Unterarme zu regnen. Es ist ein angenehmes Gefühl, weil die Tropfen ein bisschen Kühle in sich tragen. Aber sie bringen nicht diese Entschiedenheit mit sich, die uns aufstehen ließe. Eine halbe Stunde später bin ich ziemlich betrunken, da ich es wieder nicht geschafft habe auch nur soweit vorausschauend einzukaufen, dass mir das obligatorische Toastbrot am Sonntagnachmittag erspart geblieben wäre. Ich werde ein bisschen zynisch. Später frage ich dich, wann du das letzte Mal mit jemandem zusammengewohnt hast. Wenn du sprichst schaue ich auf deine Lippen und erinnere mich dabei an deine bloßen Schultern. Ich versuche mir vorzustellen, wie diese beiden Phänomene zusammenhängen, wie sie wieder zusammenfinden könnten und ob sie jemals zueinander gehört haben. Hinter den vereinzelt wehenden Baumwipfeln des Parks geht die Stadt unter und nimmt die Sonne mit. Was bleibt sind die Geräusche, die Lichter und die Menschen. Wenngleich es von denen um uns herum nun keine mehr gibt. Sie sind nach hause gegangen. Sie essen zu Abend oder schalten den Fernseher ein oder setzen sich an den Schreibtisch oder telefonieren mit einem Freund. Zwischendurch machen sie sich einen Tee, zünden eine Zigarette an, schauen in den Kühlschrank oder aus dem Fenster. Von dort sehen sie ein Pärchen, das eng nebeneinander die Straße entlang huscht, um sich im nächsten Hauseingang unterzustellen. Es prasselt in dicken Tropfen gegen die Scheibe und auf die schwarzsilber glänzende Straße. Am Fenster stehend sind sie seltsam fasziniert von den zwei nur noch verschwommen zu erkennenden Figuren. Für einen Moment fühlen sie die Freiheit, welche sie unter den durchnässten Kleidern der beiden wähnen. Dort aber findet sich mehr Verlangen als Freiheit. Ein Verlangen, das nicht weiß, wo es eigentlich hin will. Ein Verlangen, dessen Grund nicht in ihren Körpern liegt. Denn diese Körper sind jung, sind wild, sind warm. Sie sind ein besserer Spiegel als ihre Einsichten, denn sie verstehen schnell was falsch und was richtig ist. Die Körper sind nicht die Oberfläche, die es zu überwinden, zu passieren, zu tolerieren oder zu missachten gilt. Sie sind die erste Verbindung, die sich herstellt. Sie sind so viel biegsamer, geschmeidiger und empfänglicher als es Gedanken sind. Sie sind die Freiheit, die sich unter den Kleidern findet. Sie sind die Möglichkeit, die es uns erlaubt, morgens nebeneinander aufzuwachen und liegen zu bleiben. Sie sind die Möglichkeit unser Sprechen und unser Miteinander in die Welt zu setzen. Eine Welt voller Drang nach Innerlichkeit. Eine Welt, die nicht das Feuer sucht, an dem es sich zu verbrennen gilt. Eine Welt die immerfort auf der Suche nach der Höhle ist, aus der ihre Schatten geworfen werden und an der sie sich wiederkennen will. Wir stehen in diesem fremden Hauseingang. Das Restlicht der untergegangenen Sonne findet seinen Weg nicht bis zu uns. Wir halten uns in den Armen, weil das gut tut wenn es regnet. Ich schaue verstohlen in deine Augen und sehe mein zerzaustes Haar in ihnen. Ich fühle dich und weiß, dass ich da auch irgendwo sein muss. Du sagst etwas und ich lache.

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7. August 2011, Berlin

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