Im Innenraum der Malerei

Es gibt keinen zweiten Zugang um in den Keller der Huttenstraße 7 in Kassel zu gelangen. Nur den durch den Hausflur vorbei an den auf dem Bürgersteig verweilenden Gästen und Freunden des Künstlers. Schon an den Stufen hinab ist ein kleines sechseckig gerahmtes Bild zu sehen. Es zeigt eine kolorierte Netzstruktur, wirkt etwas verloren und der ein oder andere Besucher wird es sicher erst auf dem Rückweg nach oben entdecken. Es ist das Grundmotiv der kleinen Schau. Auch in den drei folgenden „Bildern“ kehrt das rautenförmige Geflecht wieder und ruft Assoziationen zu Einkaufsnetzen, Drahtzäunen oder Bodengittern hervor. Diesen Gegenständen ist gemein, dass sie auf unterschiedliche Weise einen Raum definieren oder öffnen – als Volumen, als Grenze, als Bereich usw. Zusammen mit dem Ausstellungstitel „Übertragung“ könnte dieses Motiv hin zu Netzwerken führen, durch welche Informationen gesendet, ausgetauscht, verbreitet, eben übertragen werden.

Aber man geht bei 35 Grad Außentemperatur nicht in eine Ausstellung, wenn man keinen Spaß daran hat dem allzu eiligen ersten Gedanken zu widerstehen oder ihn zumindest noch einmal zu drehen. Dazu gibt einem das erste Bild im Keller Gelegenheit. Die zu sehende unregelmäßige Netzstruktur aus blauen Linien auf weißer Leinwand erzeugt den Eindruck von Erhöhungen aus der Ebene. Man könnte im Rahmen einer Ausstellung, welche den Äußerungen des Künstlers entsprechend, die Möglichkeiten der Malerei befragen will nun eilig den Bezug zum Faltenwurf als Grundfigur der darstellenden Künste herstellen. Doch wir nehmen eine kleine Drehung, bevor wir darauf zurückkommen. Diese führt uns zur nächsten Nische des schmalen Kellers. Dort steht ein summender Overhead-Projektor unprätentiös auf dem Boden um ein vergleichsweise homogenes Raster auf eine weiße Wand zu werfen. Die letzte Installation verbirgt sich hinter einem Guckloch in einer Wand. Diese trennt den eigentlichen Keller vom Ausstellungsbereich ab. Schaut man hindurch, sieht man den flurartigen Gang, die Einbuchtungen, verriegelte Holztüren, Deckenleuchten, Lichtschalter, bronzefarbene Leitungen, einen Stromkasten und die dunklen Bodensteine. Auf diese Ansammlung legt sich das sich wiederholende Liniengeflecht. Es lässt alles in ihm plötzlich wie imaginiert erscheinen, nimmt der Wirklichkeit den Grund und der Dimension ihre Ordnung. Spätestens an diesem Punkt drängt sich die Erkenntnis auf, dass es nicht um die Inhalte der Übertragung, sondern um ihre Richtungen und Regeln geht. Denn durch das Raster als solches, durch seine Ausdehnung und Lokalisierung verändern sich die Orte der Übertragung und das Übertragene wechselseitig. Weniger die Frage nach dem Wie, als die nach dem Wo und dem Nebeneinander rücken in den Fokus. Die Struktur – das rautenförmige Geflecht – überführt Dinge in einer statischen Art und Weise und bildet einen Kontrapunkt zur Tyrannei des Bewegungsdranges ewig ortloser Informationen.

Auf produktive Art und Weise entzieht sich die Kunst ihrem Auftrag das verändernde Veränderbare zu sein und verweist die Dinge mit einer Geste auf ihre eigenen Vielheiten. Der durchlässige Film, zu dem die Malerei wird, legt sich um die Dinge und erschafft sie neu oder schafft sie ab. In ihrer Gesamtschau adaptieren sich die Installationen und ihre Orte gegenseitig. Die Malerei spielt mit dem Raum und lässt ihn mal in sich auftauchen, mal aus sich heraus treten, mal unter sich hervor scheinen. Als Projektion ebnet sie die gezeichnete Struktur auf dem flachen Untergrund der Wandfläche ein. Als Inszenierung zwingt sie den Raum zurück in die Zweidimensionalität. Man könnte sagen, die Malerei faltet und entfaltet den Raum. Das meint nicht allein die Leinwand, die Projektionsfläche und den Flurgang, sondern ebenso den Wahrnehmungskosmos des Betrachters, welcher durch die Licht- und Schattenbereiche der Faltenwürfe bemerkenswert erhellt und gekühlt wird. Dazu kommt die bestechende Einfachheit der Ausstellung, welche sich zuletzt auch in dem kleinen farbigen Bild bricht – als retroaktiver Beginn der Umformung. Weil es nun scheint als ob sich die Formen des Gemäldes auf den Rahmen übertragen hätten. Nicht als Präsentationsmodus oder Erhöhung des Gezeigten, sondern als ob der Rahmen nur existieren würde, nur ins Dasein gefunden hätte, weil es die Kunst ermöglicht hat.

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Übertragung
Christof Clement
Keller der Huttenstraße 7
13. bis 15. Juli 2010, Kassel

Flyer zur Ausstellung

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